Grauzone Whistleblowing 

Dr. Dominik Kaegi

In Geschichten verstrickt 

Daß die Zeit nur ein Schleier und Erscheinung sei, ist ein alter und ehrwürdiger Topos. „Schau mer mal“, könnte der Skeptiker antworten. Im wirklichen Leben jedenfalls passiert ständig etwas, wir sind verstrickt on kleinere und größere Geschichten, Geschichten mit engeren und weiteren Radien. Liebesgeschichten gehören zur ersten Kategorie — es sei denn, sie sind zufällig prominent —, Entwicklungen an der Börse zur zweiten. Und schon die Kombination von Liebesgeschichten und Börsenkursen gibt Stoff genug für einen Jahrhundertroman wie die Buddenbrooks. Der Punkt ist jeweils, daß wir die Welt nicht distanziert als Zuschauer verfolgen, sondern auf eigenes Risiko beteiligt sind an dem, was geschieht. 

Keine Geschichte ohne Verrat 

Aber was genau macht eine Geschichte aus? Der Historiker Reinhart Koselleck hat eine Reihe von Geschichten-Merkmalen zusammengetragen, das einfachste lautet: Geschichten sind immer Geschichten zwischen Menschen. Dynamik kommt in diese elementare Konstellation dadurch, daß in jeder Geschichte Konflikte ausgetragen werden, und zwar nicht bloß persönliche Händel, sondern strukturelle Widersprüche — Koselleck spricht von „Oppositionspaaren“ —, deren Ausgleich immer nur unvollständig gelingt, deshalb Zeit braucht und von Mal zu Mal neu justiert werden muß: Die zwischenmenschlichen Verhältnisse, um die es in Geschichten geht, sind geprägt durch Gegensätze wie „jung“ und „alt“, „Freund und Feind“, „Macht und Ohnmacht“ — und, ebenso grundlegend, durch den Gegensatz von „öffentlich und geheim“. Geschichten spielen also immer auch im Spannungsraum von Öffentlichkeit und Geheimnis, der die Akteure, die sich in diesem Raum bewegen, ob als Liebespaar oder Börsenhändler, Manager oder Verwaltungsräte vor die Alternative stellt, etablierte Grenzen der Geheimhaltung zu respektieren oder sie zu revidieren: Die klassische Grenzrevision ist der Verrat. Nach dem skizzierten Geschichten-Modell bedeutet er nicht einfach die Ausnahme der Regel oder einen moralischen Fehler; der Verrat bildet vielmehr ein katalysatorisches Moment, mit dem in jeder Geschichte zu rechnen ist. Regeltreue allein bewegt nichts. 

Verräterfiguren

Aus dieser Einsicht erklärt sich das Faible für Verräter bereits in der alteuropäischen Tradition und in der biblischen Überlieferung. Vor allem zwei Großmeister beherrschen die Szene, Prometheus und Judas. Es sind Figuren, die nicht selber in Geschichten vorkommen, sondern Idealtypen, stilisierte Porträts gleichsam, deren Züge wir an Verrätern wiedererkennen, die unsere eigenen Geschichten prägen. 

Prometheus repräsentiert den Verräter guten Gewissens. Indem er das Betriebsgeheimnis der Götter, die Kulturtechnik des Feuers, veröffentlicht, wird er zum Prototyp der Industriespionage, auch in anderen Episoden schildert ihn der Mythos eher als abgezockt und verschlagen. Aber er sichert den Erhalt der Menschheit. Der prometheische Verrat ist nicht illegitim, weil er höheren, sogar höchsten Zwecken dient. Wie schon Aischylos hervorhebt, betreibt Prometheus den Verrat aus Menschenliebe. 

Judas dagegen veranschaulicht eine ganz andere Dimension des Verrats. Er verrät, könnte man sagen, nicht etwas, sondern jemanden. Judas verhält sich (ausgerechnet dem Menschensohn gegenüber) illoyal — darin liegt der harte Kern seines Verrats, der Makel, der an Judas haftet, während alles Übrige in den einschlägigen Berichten der Evangelien einigermaßen rätselhaft bleibt. Um nicht den anti-semitischen Kolportagen aufzusitzen, die sich mit Judas häufig verbinden, nimmt man ihn am besten in der Gestalt, in der er mittlerweile in der Südkurve vieler Fußballstadien angekommen ist: als den Verräter durch Untreue. Und unsere Intuition ist, daß es für Illoyalität zwar Erklärungen, aber keine Entschuldigung gibt: Untreue läßt sich nicht prometheisch aufwerten, weil der Solidaritätsbruch, den sie begeht, höhere Interessen von vornherein desavouiert. Judas und Prometheus schließen einander aus. 

Zwischen Judas und Prometheus

Genau diese Abgrenzung scheint der Whistleblower zu unterlaufen. Gegnern gilt Ed Snowden als „American Judas“, die Schriftstellerin Rebecca Solnit vergleicht ihn emphatisch mit Prometheus: „Prometheus Among the Cannibals“. Daß beide Bilder bemüht werden, ist aufschlußreich für den Whistleblower als eine selbstdeklarierte Instanz zwischen Judas und Prometheus. Der Whistleblower handelt illoyal, aber unter Berufung auf höhere Zwecke. Woraus allerdings nur folgt, daß er der letzte ist, dem man höhere Zwecke anvertrauen sollte. Auf seinen Anspruch, Mißstände im allgemeinen Interesse aufzudecken, müssen wir selbst reagieren; „wir“: das ist als maximaler Rahmen die Gesellschaft, das sind Institutionen, Verbände oder Unternehmen — Organisationen also, deren Profile, Programme oder Produkte bestimmten Normen und Werten verpflichtet sind. Wo die Wertorientierung überhaupt fehlt, kann auch kein Whistleblower auftreten, andererseits finden wir uns nicht länger in der komfortablen Situation des Prometheus-Mythos, daß gegebene Werte oder Normen die fraglose Geltung von Kulturzwecken besitzen. Unter Bedingungen der Moderne sind Werte und Normen Verhandlungssache, sie hängen in ihrer Plausibilität wesentlich davon ab, ob die alltägliche Politik und Praxis ihnen entspricht. Hier hat der Whistleblower seinen Part, solange wir ihn nicht durch Selbstkritik ersetzen. 

Die Prozeduren der Selbstkritik sollten flexibel und, je komplexer die Organisation, offen sein für Kommunikation auf Augenhöhe: Der VW-Skandal bietet ein gutes (bzw. schlechtes) Beispiel dafür, wie bei starren Hierarchien die organisatorische Selbstkritik schon an der Durchlässigkeit der entscheidenden Informationen scheitert und die Führungsetage Werte der Verträglichkeit von Ökonomie und Ökologie propagiert, die in den Ingenieursbüros systematisch ausgehebelt werden. Ein Mißverständnis jedoch wäre die vielfach erhobene Forderung nach „vollständiger Transparenz“. Vollständige Transparenz ist kein Maß menschlicher Geschichten. Es kommt darauf an, in der Gesellschaft, in Institutionen, im Unternehmen, diejenige Balance zwischen dem Öffentlichen und dem Geheimen zu finden, die den Whistleblower am Ende überflüssig macht. 

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Dr. Dominik Kaegi

Philosoph an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und daselbst wissenschaftlicher Mitarbeiter der Karl-Jaspers-Forschungsstelle. Stiftungsrat der Karl-Jaspers-Stiftung und der Lucerne Conference Foundation. Zahlreiche Publikationen, unter anderem als Herausgeber: Cassirer — Heidegger: 70Jahre Davoser Disputation (2002) und Philosophie derLust (2009).