Wer hat Schuld?

Wer hat Schuld? — Warum Fehlerkultur mehr ist als ein Poster an der Wand

Etwas geht schief. Ein Fehler passiert. Ein Projekt überschreitet Budget und Deadline.

Was folgt, ist in vielen Teams immer dasselbe: die Suche nach dem Schuldigen.

Das ist menschlich. Verantwortung zu benennen fühlt sich nach Ordnung an. Nach Kontrolle. Das System hat ein Leck, man findet das Leck, man stopft es. Fertig.

Das Problem: Diese Logik funktioniert bei Lecks in Rohren. Bei Fehlern in Teams fast nie.

Warum Schuldzuweisung nicht funktioniert

Die meisten Fehler in Teams entstehen nicht, weil eine Person geschlafen hat. Sie entstehen aus einem Geflecht von Bedingungen: unklare Übergaben, gewechselte Prioritäten die nicht kommuniziert wurden, fehlende Informationen, ein Klima in dem niemand nachfragt weil Nachfragen als Schwäche gilt.

Wenn man in diesem Geflecht eine Person herauszieht und zur Verantwortung zieht, hat man das beruhigende Gefühl, das Problem gelöst zu haben. Aber man hat nur das sichtbarste Symptom adressiert — nicht die Bedingungen, die den Fehler ermöglicht haben.

Der nächste ähnliche Fehler ist damit vorprogrammiert. Nur macht ihn dann jemand anderes.

Was Fehlerkultur wirklich bedeutet

«Wir haben eine offene Fehlerkultur» — dieser Satz steht in vielen Unternehmensleitbildern. Und in der Praxis werden trotzdem Fehler versteckt, Probleme spät gemeldet, Misserfolge schöngeredet.

Denn Fehlerkultur ist keine Einstellung, die man beschliesst. Sie ist ein Muster, das durch Verhalten entsteht — vor allem durch das Verhalten der Führung.

Was nach einem Fehler passiert, lernt das Team sehr genau. Wird jemand vorgeführt? Wird der Fehler kleingeredet? Oder wird ernsthaft gefragt: wie ist das passiert, und was lernen wir daraus?

Blameless Post-Mortem

Ein Konzept das sich bewährt hat: das Blameless Post-Mortem, ursprünglich aus der Software-Entwicklung.

Die Grundregel: Wir suchen nicht den Schuldigen — wir suchen die Bedingungen.

Fragen sind: Was ist genau passiert? Was haben wir angenommen, das sich als falsch herausgestellt hat? Was müsste sich systemisch verändern, damit das nicht wieder passiert?

Das ist keine Absolution für Verantwortungslosigkeit. Es ist eine Verschiebung des Fokus: weg von der Person, hin zum System.

Was ein Team daraus macht

Teams, die so mit Fehlern umgehen, werden besser. Sie lernen schneller, weil Fehler nicht versteckt werden. Sie kommunizieren offener, weil niemand eine Strafe fürchtet, wenn er ein Problem meldet.

Teams die Schuldige suchen, werden vorsichtiger. Und stiller. Und irgendwann gibt niemand mehr zu, wenn etwas nicht stimmt — bis es zu spät ist, um es noch zu korrigieren.

Fehlerkultur ist kein Nice-to-have. Sie ist direkt verknüpft damit, wie lernfähig ein Team ist.

Reflexionsfrage:
Denke an den letzten Fehler in deinem Team. Was stand im Vordergrund — die Ursache oder der Verursacher?

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