Wenn Feedback wehtut — warum wir Kritik so schlecht annehmen
In Teamentwicklungs-Workshops widmen wir viel Zeit dem Geben von Feedback. Konkret formulieren. Verhaltensorientiert. Ohne Verallgemeinerungen. Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfe.
Das ist sinnvoll. Aber es löst nur die Hälfte des Problems.
Denn das Schwierigere ist nicht, Feedback zu geben — sondern es anzunehmen.
Was im Körper passiert
Wenn jemand unsere Arbeit kritisiert, reagiert das Gehirn ähnlich wie auf eine physische Bedrohung. Der präfrontale Kortex — zuständig für ruhiges Nachdenken — tritt in den Hintergrund. Das limbische System übernimmt. Herzschlag steigt. Muskeln spannen sich.
Das ist keine Charakterschwäche. Es ist Evolution. Soziale Ablehnung war für Menschen lange Zeit lebensbedrohlich.
Das Resultat: Im Moment des Feedbacks kämpfen wir nicht gegen den anderen, sondern gegen uns selbst. Der erste Impuls ist Verteidigung, Rechtfertigung oder innerliches Abschreiben. «Der hat das falsch verstanden.» «Das war doch gar nicht so gemeint.» «Die ist selbst nicht besser.»
All das passiert in Sekundenbruchteilen — oft unbewusst. Und es verhindert, dass die Nachricht wirklich ankommt.
Das Paradox der Feedbackkultur
Viele Teams investieren in Feedback-Trainings. Sie lernen das SBI-Modell (Situation-Behaviour-Impact). Sie üben Radical Candor. Sie verabreden Feedbackrunden.
Und dann sitzt jemand im echten Gespräch — hört Kritik — und ist sofort in der Defensive.
Das Training hat das Geben verbessert. Das Annehmen ist geblieben wie es war.
Das ist kein Versagen der Methode. Es ist ein Zeichen, dass das Annehmen von Feedback eine eigene Kompetenz ist, die eigens geübt werden muss.
Was hilft
Der wirksamste erste Schritt ist schlicht: eine Pause einbauen.
Nicht sofort reagieren. Nicht erklären, nicht rechtfertigen, nicht relativieren. Nur sagen: «Danke, das nehme ich mit» — und dann schweigen.
Das klingt einfach. In der Praxis ist es eines der schwereren Dinge im Teamalltag.
Hilfreich ist auch, die eigene Reaktion zu kennen. Wer weiss, dass er bei Kritik sofort dichtmacht, kann sich daran erinnern, wenn es passiert. Nicht um die Reaktion zu unterdrücken, sondern um sie zu bemerken und trotzdem neugierig zu bleiben.
Eine Frage die hilft: «Was ist an diesem Feedback möglicherweise wahr?» — nicht «Was ist falsch daran?»
Und: Feedback ist immer Information über Wirkung, auch wenn es ungenau oder unfair formuliert ist. Wie ich auf andere wirke, ist real — auch wenn ich es anders gemeint habe.
Feedbackkultur beginnt beim Annehmen
Teams in denen Feedback fliessen kann, sind nicht Teams, in denen alle perfekt formulieren. Sie sind Teams, in denen die Bereitschaft gelebt wird, etwas zu hören, das nicht angenehm ist.
Diese Bereitschaft ist keine Persönlichkeitseigenschaft. Sie ist eine Haltung, die man üben kann — am besten in kleinen, sicheren Momenten, bevor es um das Grosse geht.
Reflexionsfrage:
Wie reagierst du körperlich, wenn du kritisches Feedback bekommst? Was hilft dir, trotzdem zuzuhören?
Was Teams wirklich bewegt — Gedanken zur Teamentwicklung aus der Praxis.




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