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Die stille Erwartung — und warum sie so oft enttäuscht wird

Was Teams wirklich bewegt — Post #11

Es gibt eine Art von Enttäuschung in Teams, die besonders schwer zu greifen ist. Nicht der offene Konflikt, nicht das klare Missverständnis — sondern das diffuse Gefühl: Das hätte ich mir anders vorgestellt.

Meistens taucht es nach Entscheidungen auf.

Jemand fühlt sich übergangen — obwohl niemand bewusst übergangen hat. Jemand ist überrascht, dass er gefragt wird — obwohl die Führungskraft dachte, sie delegiere. Das Team dachte, es entscheide gemeinsam — die Führungskraft dachte, sie hole nur Input.

Niemand hat gelogen. Niemand hat etwas falsch gemacht. Aber alle hatten eine andere Vorstellung davon, wie diese Entscheidung hätte laufen sollen.

Und keine dieser Vorstellungen wurde je ausgesprochen.

Das eigentliche Problem

In den meisten Teams gibt es keine explizite Vereinbarung darüber, wie Entscheidungen getroffen werden. Nicht generell — und schon gar nicht für konkrete Situationen.

Stattdessen hat jeder eine stille Erwartung. Eine Vorstellung die sich aus Erfahrung, aus Hierarchieverständnis, aus dem was man bisher beobachtet hat, zusammensetzt. Diese Vorstellungen sind real — aber sie sind unsichtbar. Für andere und oft auch für einen selbst.

Das funktioniert solange, wie die Entscheidungen unkritisch sind. Aber wenn etwas auf dem Spiel steht — wenn es um Budget geht, um Prioritäten, um Personalfragen — dann werden die Unterschiede spürbar. Und weil niemand die Erwartung je ausgesprochen hat, kann auch niemand erklären warum er enttäuscht ist.

Delegation Poker — Graustufen sichtbar machen

Es gibt eine Methode die ich in solchen Situationen einsetze: Delegation Poker.

Das Prinzip: Man nimmt eine konkrete Entscheidungssituation — eine die ansteht, oder eine die in der Vergangenheit für Reibung gesorgt hat. Dann zeigt jede Person gleichzeitig eine Karte mit einer Stufe von 1 bis 7:

Stufe

  • 1 Führungskraft entscheidet allein — ohne Erklärung
  • 2 Führungskraft entscheidet — erklärt aber die Gründe
  • 3 Führungskraft holt Input vom Team — entscheidet dann allein
  • 4 Führungskraft und Team entscheiden gemeinsam
  • 5 Team entscheidet — Führungskraft gibt Empfehlung ab
  • 6 Team entscheidet – anschliessend wird Führungskraft informiert
  • 7 Team entscheidet — keine Information

Alle zeigen ihre Karte gleichzeitig. Niemand wird durch die Antwort eines anderen beeinflusst bevor er seine eigene gezeigt hat.

Was dabei sichtbar wird

Fast immer liegen die Karten auseinander. Manchmal nur eine Stufe — manchmal drei oder vier.

Und das ist der Moment der zählt. Nicht weil jemand falsch liegt — sondern weil zum ersten Mal sichtbar wird, was alle still erwartet haben. Die Führungskraft sieht: Das Team erwartet mehr Mitsprache als ich dachte. Das Team sieht: Die Führungskraft versteht diese Entscheidung anders als wir.

Aus diesem Unterschied entsteht ein Gespräch. Kein Konflikt — ein Gespräch. Was ist sinnvoll für diese Art von Entscheidung? Was braucht es, damit alle wissen was gilt?

Das Ergebnis ist keine perfekte Formel. Aber es ist Klarheit. Und Klarheit verhindert die stillen Enttäuschungen die sich sonst über Monate aufschichten.

Wann es sich besonders lohnt

Delegation Poker ist besonders wertvoll für wiederkehrende Entscheidungstypen — Budgetentscheide, Personalfragen, strategische Prioritäten. Und für Situationen die in der Vergangenheit schon mal für Unmut gesorgt haben, ohne dass jemand genau benennen konnte, warum.

Manchmal reicht eine einzige Runde — und ein Team hat mehr Klarheit als nach stundenlangen Diskussionen über «wie wir Entscheidungen treffen sollten».

Zum Nachdenken

Welche Entscheidung wird in eurem Team regelmässig getroffen — ohne dass je explizit geklärt wurde, wie sie eigentlich getroffen werden sollte? Und was würde passieren, wenn ihr das einmal mit Karten auf den Tisch legt?


Olivier Gut begleitet Führungsteams bei der Entwicklung ihrer Zusammenarbeit. Mehr unter absolutum.net/was-teams-wirklich-bewegt

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