Den Sinn der Regel prüfen. Interview mit Dr. Daniel Vasella

 

Ethische Risiken: "Einmal ist keinmal ist keine gute Verhaltensregel."

 

Daniel Vasella

Dr. med., Dr. h.c. Daniel L. Vasella ist seit 2013 Ehrenpräsident des Verwaltungsrats der Novartis AG und arbeitet als unabhängiger Coach und strategischer Berater für Führungskräfte. Nach der Gründung von Novartis im Jahr 1996 führte er den Konzern während 17 Jahren als CEO (1996-2010) und Präsident des Verwaltungsrats (1999-2013) . Zuvor war Vasella Chief Executive Officer von Sandoz Pharma. Von 1988 bis 1992 war er bei der Sandoz Pharmaceuticals USA beschäftigt. Von 1980-1988 arbeitete als Arzt und Psychoanalytiker. Sein Medizinstudium schloß er 1979 an der Universität von Bern ab und absolvierte eine Management- Ausbildung an der Harvard Business School. Dr. Vasella ist Mitglieddes Verwaltungsrats der PepsiCo, Inc., der American Express Company und von XBiotech. Er ist ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciencesund Kuratoriumsmitglied verschiedener Organisationen sowie Träger zahlreicher Auszeichnungen.

 

Rubicon: Herr Vasella, Sie als Topmanager mußten und müssen Ordnungen mitdefinieren: Halten Sie sich an Regeln, die Sie selbst aufgestellt haben?

Vasella: Ja, aus Prinzip. Wenn diese nicht mehr aktuell sind, muß man sie ändern oder aufheben.

 

Rubicon: Und an Regeln, die Sie nicht selbst aufgestellt haben?
Vasella: Es gibt implizite und explizite Regeln, wichtige und unwichtige. Man muß demnach eine Ordnung und Klarheit schaffen. An wichtige und explizite Regeln halte ich mich. Wenn mir dies nicht möglich ist oder ich diese als irreführend beurteile, sage ich explizit, daß ich dies nicht tun werde. Implizite Regeln mag man erkennen und bewußt entscheiden, ob man sie befolgen oder ignorieren will. Es gibt deren aber auch viele z.B. gesellschaftliche und soziale Regeln, die dem einzelnen nicht bewußt sind, jedoch kulturell verankert sind und von den Meisten befolgt werden.

 

Rubicon: Bereuten Sie schon einmal, eine Regel eingehalten zu haben?
Vasella: Nein, nicht wirklich.

 

Rubicon: Was halten Sie vom Nulltoleranzprinzip — also dem Prinzip unbedingter Sanktion des Regelbruchs, das beispielsweise zur Vorbeugung von Korruption propagiert wird?
Vasella: Ich bin ein Verfechter des Nulltoleranzprinzips bei expliziten und wichtigen Regeln, wobei die Konsequenzen verhältnismäßig sein müssen. „Einmal ist keinmal“ ist keine gute Verhaltensregel.

 

Rubicon: Ein Sprichwort besagt: Regeln sind wie Spinnweben; die Hummeln fliegen durch, die Mücken bleiben hängen. Wie abhängig ist die Geltung der Regel von der organisationalen Hierarchie tatsächlich?
Vasella: Es gibt Regeln, die hierarchieabhängig sind, andere gelten für alle. Regeln, die für alle gelten, dürfen aber nicht auf Grund der Hierarchie mißachtet werden.

 

Rubicon: Der Harvard-Managementethiker J. Badaracco meint, die Komplexität organisationaler Situationen sei so hoch, daß Regeltreue zu „schmerzlichen Widersprüchen“ und „scheußlichen Folgen“ führe. Ethisch geboten sei „bend the rules“. Was spricht für diese These, was gegen sie?
Vasella: Kommt es zu einem gewissen Zeitpunkt z.B. zu einem Zwischenfall, einer Verfehlung oder einem gravierenden Fehler, hat dies oft zur Folge, daß neue Regeln aufgestellt werden. Besonders in großen und risikoaversen Betrieben kann dies zu einer Kumulation von schließlich kaum mehr überblickbaren Regeln führen, zu denen dann noch kulturelle Verhaltensregeln hinzu kommen mögen, von denen kaum noch jemand weiß, wie sie entstanden sind. Es empfiehlt sich, explizite Regeln periodisch auf deren Sinnhaftigkeit zu überprüfen, denn es ist doch sehr viel besser, weniger Regeln zu haben, die man befolgt, als viele, die man nicht befolgt. Was die oft kaum bewußten kulturell bedingten Regeln betrifft, so ist es für einen Betrieb außerordentlich wertvoll, wenn Leute diese Regeln mißachten und z.B. Dinge beim Namen nennen, die sonst mit einem Tabu behaftet sind. Manchmal werden von einzelnen und Gruppen auch Regeln befolgt, die gar nie aufgestellt wurden, die niemand wünscht und die lediglich zu unsinnigen Einschränkungen führen.

 

Rubicon: Welches sind Ihre Kriterien, eine Regel einzuhalten oder zu brechen?
Vasella: Um eine Regel einzuhalten, muß man diese verstehen und wissen, ob sie für einen gilt, ob sie mit dem eigenen Gewissen vereinbar ist und der eigenen Wertvorstellung entspricht. Auch geht es um die Frage, wie wichtig die Regel ist und welche Konsequenzen deren Mißachtung nach sich ziehen kann. Wenn ich z.B. mein Auto länger als erlaubt auf einem Parkplatz stehen lasse, mag dies für andere unangenehm sein, weil sie keinen Parkplatz finden, wenn ich aber in einer unübersichtlichen Kurve den Sicherheitsstreifen überfahre, um zu überholen, gefährde ich nicht nur mein, sondern auch das Leben anderer Menschen. Anderseits sollte man sich ernsthaft fragen, ob man Regeln befolgt, die mit dem eigenen Gewissen nicht vereinbar sind. Das mag z.B. während des Einsatzes eines Soldaten im Krieg extrem schwierig sein. In einem Betrieb hat man grundsätzlich die Möglichkeit, solche Regeln zu denunzieren oder den Betrieb zu verlassen.

 

Rubicon: Was ist bei Regelbruch das größte Risiko?
Vasella: Unter einem schlechten Gewissen zu leiden und die dem Regelbruch entsprechenden Sanktionen erdulden zu müssen.

 

Rubicon: Wenn Sie zurückblicken: War früher der Job an der Spitze restriktiver oder lascher als heute? Inwiefern?
Vasella: Vor einigen Jahrzehnten war der Job an der Spitze eindeutig weniger reguliert. Das heißt aber nicht, daß die damaligen Chefs weniger verantwortungsvoll und gewissenhaft gehandelt haben. Doch die Transparenz, die Geschwindigkeit und Globalität der Kommunikation und die Digitalisierung haben dramatisch zugenommen und die Welt verändert. Damit hat auch der Druck durch die Komplexität der Forderungen verschiedener Interessegruppen, NGO’s und Staaten zugenommen. Durch die Einführung immer neuer Regelwerke kommt es zu deren Kumulation und Superposition. Dabei gilt es jeweils, die strengsten Vorschriften und Regeln zu befolgen.

 

Rubicon: Darf man ungeschriebene Regeln eher brechen als geschriebene?
Vasella: Ja. Das heißt aber nicht, daß man dafür weniger streng bestraft würde.

 

Rubicon: Muß man nicht, um eine Regel zu befolgen, sie interpretieren — und ist diese Interpretation, weil sie notgedrungen subjektiv ausfällt, nicht gerade problematisch?
Vasella: Regeln sollten klar sein. Anderseits muß man immer wieder den Zweck der Regeln überdenken und besprechen. Damit fällt man auch ein Urteil über deren Zweckmäßigkeit. Das ist besser, als in einer total unflexiblen Bürokratie zu versteinern.

 

Rubicon: Als Cäsar am 10. Januar 49 v. Chr. den Rubicon überschritt, brach er eine eiserne Regel der römischen Republik. Fünf Jahre später war er durch 23 Dolchstöße gemeuchelt. Keine historische Fachfrage, sondern Ihre persönliche Überzeugung: Was veranschaulicht das Beispiel? Was leiten Sie für Ihr eigenes Berufsleben daraus ab?

Vasella: Die von Ihnen erwähnte Regel diente dem Machterhalt der Regierenden der römischen Republik. Offensichtlich wollte Cäsar diese usurpieren und war bereit dafür sein Leben und jenes seiner Legionäre aufs Spiel zu setzten. Es kam dann folgerichtig zu einem blutigen Bürgerkrieg. Meines Erachtens veranschaulicht das Beispiel, daß man durch Mißachtung eines Gesetzes und militärischen Einsatz zwar Macht erlangen kann, nach einem gewonnen Krieg aber seine Feinde und deren Intrigen und Rachgier nicht unterschätzen darf und entsprechend präventiv vorgehen muß. Es illustriert aber auch, daß das Streben nach absoluter Macht absolute Gefahren nach sich zieht. Für mein Berufsleben ergeben sich daraus keine Konsequenzen. Leben ist unvergleichbar wichtiger als persönliches Machtstreben.

 

  

Das Interview wurde geführt von Manuel Bachmann und Olivier Gut. ©ABSOLUTUM AG – 2016

 

 

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