Ethical Risk Report Gentherapie

1. Gegenstandsbereich / Technologie

Dieser Ethical Risk Report bezieht sich auf die Gentherapie, die definiert ist als die Einbringung von Genen in Gewebe oder Zellen mit dem Ziel, durch die Expression und Funktion dieses Gens therapeutischen Nutzen zu erlangen. Welche Gewebe bzw. Zellen genetisch umprogrammiert werden dürfen, entscheidet dabei über die Art der Gentherapie: nur somatische Zellen, was den Therapie-Effekt auf ein Individuum begrenzt (somatische Gentherapie) oder auch Keimbahn-Zellen, was das therapeutische Gen auf die Folgegenerationen übertragen würde (Keimbahn-Gentherapie).

 

2. Risikotreiber

2.1. Transparenzgrad:
Was an ethischen Konsequenzen ist an dieser Technologie bereits transparent, um sie einer ethischen Analyse und Entscheidungsfindung zuzuführen? Die Gentherapie ist in ihren beiden Arten seit den 80er Jahre Gegenstand eines ethischen Bewertungsprozesses in den Wissenschaften, der bis heute nicht abbricht und der gesellschaftlich vor allem über Dystopien bereits vorzeitig aufgegriffen und angeheizt wurde. Aufgrund dieser hohen Sensibilität in Wissenschaft und Gesellschaft besteht auf der theoretischen Ebene ein hoher Transparenzgrad, im technischen Anwendungsbereich dagegen ein geringer Transparenzgrad. Dieser ist durch den Umstand bedingt, daß die Arten der Gentherapie begrifflich zersplittern von einem orthogenetischen zu einem transplantatorischen und zu einem pharmakologischen Schema und diese Zersplitterung mit einer Erweiterung des Anwendungsbereichs einhergeht. So ergeben sich Verzweigungen und Steigerungsgrade der Anwendung, bei denen der Rückbezug auf den theoretischen Bewertungsprozeß immer wichtiger und zugleich immer anspruchsvoller wird. Der Ethical Risk Report erarbeitet im Detail diesen Rückbezug und ermöglicht damit eine viel genauere Abschätzung der ethischen Risiken einzelner Anwendungen.

 

2.2. Erster Risikotreiber: Wertedivergenzgrad.
Der Bewertungsprozeß der Gentherapie weist einen sehr hohen Wertedivergenzgrad auf. Dieser ist korreliert mit hohen ethischen Risiken, weil er die gesellschaftliche Konsensfindung erschwert. Viele technisch denkbare Anwendungen können in Zukunft negativ bewertet werden. So besteht nach wie vor radikale Kritik, welche die Gentherapie abschätzig als „Zellspaltung“ in eine Analogie zur „Atomspaltung“ bringt. Die radikale Kritik stützt sich nicht nur auf weltanschauliche Positionen, deren Prämissen unrevidierbar sind, sondern auch auf Risikoargumente, auf den Hinweis, daß aus der Komplexität und Unabschätzbarkeit der Folgen auf eine prinzipielle Nicht-Verantwortbarkeit zu schließen sei. Diese Basis macht die radikale Kritik sehr stark und jederzeit aktualisier- und verstärkbar, weil der Forschungsfortschritt die Komplexität erhöht. Der radikalen Kritik gegenüber stehen Positionen der ethischen Erforderlichkeit der Gentherapie. Beide Extrempositionen sind argumentativ nur sehr schwierig zu vermitteln. Sie gelingt am besten über Vergleichbarkeitsargumente und über Schaden-Nutzen-Argumente. Für einzelne Anwendungen muß diese argumentative Vermittlung jeweils mit maximaler Präzision geleistet werden, um die Möglichkeit einer zukünftig negativen Bewertung genauer einschätzen zu können.

 

2.3. Zweiter Risikotreiber: Regelungsbedarf.
Je höher der Regelungsbedarf, desto höher das ethische Risiko, weil Regelungen nur verzögert einsetzen und zu restriktiv ausfallen können. Der Regelungsbedarf ergibt sich aus einer Folgeabschätzung. Der Bewertungsprozeß der Gentherapie berücksichtigt dermaßen viele mögliche Folgen, daß der Regelungsbedarf nur identifzierbar ist, wenn die Argumentationen sehr genau analysiert werden.

 

2.4. Dritter Risikotreiber Wertvolatilität:
Die rechtlichen Regelungen sind bis heute der Komplexität des Bewertungsprozesses nicht gewachsen. Hier muß zwischen nomineller Rechtssicherheit und faktischer Rechts(un)sicherheit unterschieden werden. Die Werte, die im Bewertungsprozeß der Gentherapie im Rahmen gesellschaftlicher Konsensfindung den Ausschlag geben, sind selbst einem schnellen Wertewandel unterworfen und müssen auf ihre mögliche Stabilität hin untersucht werden.

 

3. Empfehlungen (bezüglich Risikotransformation)

Aufgrund der Analyse der genannten drei Risikotreiber müssen für eine einzelne Anwendung wie beispielsweise die CRISPR-Technologie detaillierte Empfehlungen ausgearbeitet werden: Stopp, Moratorium, Produktumgestaltung, flankierende Maßnahmen, Maximierung der Investitionen.

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