Wie erreicht das Unternehmen eine für alle Betroffenen gerechte Lösung?

Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen:

Die Methode der transpositionalen Überprüfung für Entscheidungsgremien

 

Das Wichtigste in Kürze:

Um in einem Konflikt zwischen objektiv begründeten Positionen gerechte Entscheidungen herbeizuführen, bedarf es nach dem Ökonomie-Nobelpreisträger Sen einer „transpositionalen Überprüfung“. Diese Methode ist in der Praxis ganz einfach anwendbar. Sie ermöglicht, Standpunkte, die sich mit objektiven Argumenten ebenbürtig widerstreiten, einander anzunähern und eine für alle als gerecht akzeptierbare Lösung zu entwickeln. Ihre wichtigsten Elemente:

  • Überparteilichkeit ist möglich
  • Objektivität heißt noch nicht, daß abweichende Standpunkte nicht mehr berücksichtigt werden müssen
  • Für eine gerechte Lösung braucht es keinen Konsens über ethische Ideale, auf die man sich nie einigen könnte

 

Resultate:

„Positionale Objektivität“ bezeichnet die alltägliche Tatsache, daß für Entscheidungsprozesse in Organisationen und Gesellschaft die Beteiligten sich vom eigenen Standpunkt kaum lösen können – nicht, weil er irrational-subjektiv wäre, sondern im Gegenteil, weil er rational-objektiv ist: mit objektiven Argumenten und Fakten sehr gut begründet. So wird beispielsweise von den Befürwortern einer Frauenquote in Verwaltungs- und Aufsichtsräten eine statistisch belegbare Unterrepräsentation weiblicher Führungskräfte ins Feld geführt, ohne diesen unbestreitbar objektiven Standpunkt mit dem Standpunkt anderer Gruppen zu vergleichen, die ebenso eine Unterrepräsentation und damit eine Quote mittels objektiver Fakten reklamieren könnten (homosexuelle, farbige, junge Führungskräfte usw.) Der kollektive Vernunftgebrauch ist immer durch solche objektive Positionalität eingeschränkt. In Entscheidungsprozessen bedarf es deshalb einer „transpositionalen Überprüfung“. Sie meint, ganz verschiedene, nahe und ferne Standpunkte miteinander zu vergleichen und so die Informationsbasis für die Entscheidungsfindung zu erweitern. Ziel ist nicht, die absolute Gerechtigkeit zu finden, sondern eine für alle als gerecht akzeptable Lösung, die umsetzbar ist. Sen nennt dies „den auf Verwirklichung konzentrierten Vergleich“. In diesem Vergleich geht es nicht darum, die gerechteste Entscheidung zu treffen, sondern eine gerechtere als diejenige, die aus positionaler Objektivität resultiert.

 

Argumentation:

Für wertgeladene Entscheidungen ist der Aufbau von Nähe zu fernen und unberücksichtigten Standpunkten wichtig, um in Wertekonflikten zu gerechten Entscheidungen zu gelangen. Diese These begründet sich dadurch, daß in Wertekonflikten die Betroffenen bereits durch einen Markt, ein politisches System, Sprache und anderes verbunden sind. Indessen, diese gegebene Verbundenheit wird genau so perspektivisch verzerrt, wie Menschen ihre soziale Welt wahrnehmen. Bleibt diese Wahrnehmung unkorrigiert, wird sie von abweichenden Wahrnehmungen als ungerecht empfunden.

 

Dialektischer Zusammenhang:

In Entscheidungsprozessen schlägt der Gegensatz von subjektiver Beliebigkeit und Objektivität zu Buche. Die Entscheidungsgrundlage soll möglichst von der Subjektivität eines beliebigen Standpunkts befreit, also objektiv sein. In diesem Ideal lauert das Problem, das Sen aufgreift: Es existiert nicht nur ein einziger Standpunkt, der den Anspruch auf Objektivität einlöst. Je vielschichtiger die Entscheidungssituation, desto eher finden sich andere, abweichende Standpunkte, die ebenso faktenbasiert sind. Um dieses Problem anzugehen, beruft sich Sen auf Adam Smiths Modell des unparteilichen Beobachters. Leitend für die Methodik der transpositionalen Überprüfung ist die Idee, daß bereits Stimmenvielfalt und Stimmenaustausch eine offene Unparteilichkeit des Entscheidungsgremiums ermöglichen.

 

Kritik:

Einwände gegen die Methode der transpositionalen Überprüfung sind viele denkbar. Genannt seien folgende:
Überparteilichkeit ist eine Illusion: Ein neutraler Vergleich objektiver Standpunkte ist nicht möglich, sondern erfolgt immer bereits standpunktabhängig.
Naiv gegenüber realen Machtverhältnissen: Stimmenvielfalt in einem Entscheidungsgremium wird durch reale Machtasymmetrien zwischen den Stimmen abgeschwächt oder sogar verhindert.

 

Impulse für die Praxis:

Die Feststellung positionaler Objektivität in Entscheidungsgremien erhöht deren Reflexionsniveau im Entscheidungsprozeß: Das Entscheidungsgremium ist so weniger der Einseitigkeit zufälliger Meinungen ausgesetzt. Die Methode der transpositionalen Überprüfung ist auf viele konkrete Entscheidungsprozesse, in der unterschiedliche Standpunkte zum Austrag kommen, anwendbar. Auch die Begründung gefällter Entscheidungen erhält durch diese Methode eine erweiterte Dimension und kann die Akzeptanz der Entscheidung erhöhen. Beispiel: Geht es darum, in einem Tarifverbund den Verteilschlüssel der Einnahmen gerecht zu gestalten, so soll nicht dieser von einem Ideal der Gerechtigkeit wie beispielsweise Gleichheit her definiert werden. Vielmehr sollen alle Beteiligten ihre Fakten zu ihrem Standpunkt offen auf den Tisch legen können, gehört werden und gleichzeitig ihre Position dem Vergleich mit den anderen Positionen bewußt unterwerfen. Die Entscheidung, den Verteilschlüssel so und nicht anders zu gestalten, kann dann in Rekurs auf den Vergleich der objektiven Standpunkte erfolgen, so daß diese sich in der Lösung als gehört und berücksichtigt wiedererkennen.

 

Literatur:

  • Amartya Sen: Positional Objectivity, in: Philosophy and Public Affairs, Bd. 22 (1993), S. 126-145
  • Amartya Sen: Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010
  • Christian Neuhäuser: Amartya Sen zur Einführung, Hamburg 2013, bes. S. 102-108

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