Entscheidungsgremien: Wie zwischen unterschiedlichen Sichtweisen entscheiden?

Effective Practice: Die Methode des „wohlüberlegten Wechsels“ des Harvard-Philosophen Nelson Goodman

 

Das Wichtigste in Kürze:

Entscheidungsfindung ist Kampf um die richtige Sicht auf die Welt: auf der Grundlage unterschiedlichster Überzeugungen und Meinungen eine der Realität angemessene Entscheidung zu treffen. Wie dieser Kampf ausgeht, spiegelt sich in der gefällten Entscheidung. Jedes Entscheidungsgremium muß mit unterschiedlichen Sichtweisen so umgehen, daß es entscheidungsfähig bleibt, das heißt, sich auf eine Sichtweise einigt.

Nach dem Harvard-Philosophen Nelson Goodman (1906-1998) steht uns hierzu die Methode des „wohlüberlegten Wechsels“ zur Verfügung. Ihre wichtigsten Elemente:

  • Unterschiedliche Sichtweisen sind wertvoll, aber nicht in jedem Fall
  • Welche Sichtweise wahr (oder wahrscheinlich wahr) ist, zeigt sich daran, ob sie in die Situation paßt
  • Die Methode des „wohlüberlegten Wechsels“ wird sogar in der Physik erfolgreich angewandt

 

Resultate:

Nach Goodman können wir mit unterschiedlichen Sichtweisen auf dreierlei Weise umgehen

1. Monopolistisch: Indem wir uns auf eine einzige Weltsicht als Standard einigen, beispielsweise auf die Sichtweise des Präsidenten, Meinungsführers oder Experten. Abweichende Sichtweisen sind Formen des Irrtums.

2.Relativistisch: Indem wir alle Weltsichten als gleichwertig einschätzen, selbst diejenige des protokollierenden Sekretärs. Keine Sichtweise ist falsch.

3.Pluralistisch: Indem wir keine Weltsicht auszeichnen, aber nur diejenigen  für gleichwertig halten, die in die Situation passen. Abweichende Sichtweisen sind willkommen, können aber falsch sein.

Der Monopolismus bietet höchste Effizienz und zugleich höchstes Risiko, daß die Standardsicht nur eine zufällige Meinung ist und der Situation nicht entspricht. Der Relativismus bietet die Sicherheit, möglichst keine Alternativen zu übersehen, verwickelt sich aber in Widersprüche. Der Pluralismus bietet höchste Situationsbezogenheit, muß aber zwischen richtigen und falschen Sichtweisen scharf unterscheiden und zugleich den Widerspruch zwischen den richtigen ertragen. Er zielt deshalb auf eine Erkenntnissteigerung durch einen Wechsel zwischen den richtigen Sichtweisen. Dieser Wechsel, wenn er „wohlüberlegt“ vollzogen wird, ist nach Goodman ein Vorgehen, „das im alltäglichen Leben üblich ist und von der modernen Wissenschaft auf beeindruckende Weise gutgeheißen worden ist“. Vorbild sind die Quantenphysiker: Sie wechseln zwischen einer Sichtweise, in der das Licht ein Teilchen ist, zu einer Sichtweise, in der es eine Welle ist. Beide Sichtweisen, obwohl einander widersprechend, passen in die Situation des physikalischen Experiments.

 

Argumentation:

Sowohl Wissenschaft wie Alltag führen uns vor Augen, daß die eine, einzig reale Welt in der Vielheit von Sichtweisen verschwimmt. Ähnlich wie in der heutigen Physik keine Standardsichtweise existiert, ist auch der alltägliche Bezug auf die Realität mit auseinanderklaffenden und widersprüchlichen Realitätsbeschreibungen durchzogen. Die Realität an sich ist uns deshalb nie direkt gegeben, sondern immer nur Beschreibungen dieser Realität. Goodmans zentrales Argument: Eine Welt unabhängig von unserer Sichtweise wäre für uns buchstäblich bedeutungslos. Deshalb können und sollen wir den Standpunkt wechseln, um in der Situation „mehr“ zu erkennen und „besser“ zu entscheiden. Wenn wir wechseln, dann nicht willkürlich, sondern situationsgeleitet, um unsere Erfolgsaussichten zu erhöhen. Der Wechsel ist dann „wohlüberlegt“, wenn wir uns in der Situation auf Monopolismus, Relativismus oder Pluralismus festlegen. Denn diese drei Standpunkte haben unterschiedliche Kriterien, richtige Sichtweisen zu identifizieren.

 

Dialektischer Zusammenhang:

Wie sich unterschiedliche Sichtweisen sinnvoll und erfolgreich bündeln lassen, ist eine Frage mit einem immensen philosophischen Problemhintergrund: dem Verhältnis zwischen faktischer Welt und der Welt, wie wir sie sehen und beschreiben. Was sind die Kriterien, an denen wir eine richtige Sichtweise von einer falschen unterscheiden können? Sind solche Kriterien nicht wiederum abhängig von der Sichtweise? Existiert ein idealer Schiedsrichter oder säße ein solcher im Nirgendwo? Goodmans Methode des wohlüberlegten Wechsels schlägt einen Lösungsweg ein, in der die Sichtweisen die Welt erzeugen – nicht umgekehrt. Es sind die Sichtweisen, die entweder funktionieren oder nicht, indem sie passen, beispielsweise nützlich oder bequem sind. Wo der Schiedsrichter über richtig oder falsch ist, bestimmen wir. Einen solchen Ansatz nennt man in der Philosophie „konstruktivistisch“. Er richtet sich gegen „faktenbasiertes Management“, also gegen das Modell einer Welt absoluter Tatsachen. Denn eine Welt absoluter Tatsachen leidet am Problem, nur in unterschiedlichen Sichtweisen zugänglich zu sein.

 

Kritik:

Goodmans Methode unterstellt, daß wir in unterschiedlichen Sichtweisen denken und handeln können, abhängig von der Situation, ja daß wir sogar in ein- und derselben Situation unterschiedliche Sichtweisen einnehmen können. Der daraus entstehende Widerspruch löst er so, daß wir in vielen Welten leben – wir müssen allerdings entscheiden, welche davon richtig und welche falsch sind. Dieser Ansatz findet keine Antwort auf die Frage, wie unterschiedliche Welten, die situativ passen, nicht wieder in einer einzigen absoluten Welt zusammenhängen, um zu entscheiden, welche Sichtweisen situativ angemessen sind.

 

Impulse für die Praxis:

Ein Entscheidungsgremium kann sich die Methode des wohlüberlegten Wechsels folgendermaßen zunutze machen. Es kann je nach Entscheidungssituation zwischen Monopolismus, Relativismus und Pluralismus wählen:

  • Monopolismus: Abweichende Meinungen sind einfach zu beurteilen. Das Gremium prüft, ob sie mit der Standardsichtweise verträglich sind. Abweichende Weltsichten wird es mit den Argumenten der Standard-Weltsicht entkräften können.
  • Relativismus: Das Gremium wird Unterschiede der Sichtweisen als Anreicherung der verfügbaren Informationen verstehen.
  • Pluralismus: Hier umgeht das Gremium das Dilemma zwischen einer einzig gültigen Weltsicht, die bald einmal zweifelhaft erscheint, und beliebigen Weltsichten, welche die Sachlage in Widersprüche verwickeln. Das Gremium macht klar, welche Sichtweisen auf die Situation passen und welche nicht. Es vermag, den Wahrheitsanspruch einer einzigen Sicht einzuschränken zugunsten anderer Sichtweisen und gleichzeitig alle übrigen Sichtweisen auszuschließen, die der Situation nicht entsprechen. Damit reduziert es die zwei genannten Risiken, daß die Resultate wieder angezweifelt werden oder daß sich kein Resultat erzielen läßt, weil sich die Beteiligten in unlösbare Widersprüche verwickeln.

Das pluralistische Vorgehen verlangt ein gründliches Verständnis der Situation. Fehlt dieses Verständnis, weil beispielsweise Informationen fehlen, sollte das Gremium zwischen der monopolistischen und der relativistischen Vorgehensweise wählen.

 

Literatur:

Nelson Goodman: Vom Denken und anderen Dingen, Frankfurt a. M. 1987 (Of Mind and Other Matters, 1984)
Michael Lynch: Truth in Context. An Essay on Pluralism and Objectivity, Cambridge, London 1998
Daniel Cohnitz, Marcus Rossberg: Nelson Goodman, Chesham 2006

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